Weiterbildung zum Persönlichen Budget in Bad Kreuznach
Unter großer Beteiligung fand das vom SHV - FORUM GEHIRN e.V. organisierte und durch die GKV finanziell unterstützte Seminar zum Persönlichen Budget (PB) in Bad Kreuznach statt.
Fr. Beiersdorf und Karl-Otto Mackenbach (verantwortlich für die Organisation) gewährleisteten einen für alle reibungslosen Ablauf.
Aus dem ganzen Bundesgebiet reisten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an. Die Zielstellung der Weiterbildung bestand in der Vermittlung von grundsätzlichem Wissen und der Schaffung von Selbstvertrauen zur Beantragung und Anwendung des PB für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen.
Fr. Beiersdorf brachte nicht nur ihre persönliche Erfahrung aus vielen Beratungen zum PB ein, sondern es gelang auch hochkarätigen Referenten zu gewinnen.
So referierten Fr. Dr. Corina Zolle, stellvertretende Vorsitzende ForseA e.V., Dr. Matthias Schmidt-Ohlemann, Vorsitzender des DVfR, sowie Herr Dr. Harry Fuchs, Sozialrechtsexperte, zu speziell ausgewählten Themen.
Zu Beginn begrüßte Herr Karl-Eugen Siegel, stellv. Bundesvorsitzender, die Teilnehmer und Frau Beiersdorf eröffnete das Seminar.
Zunächst stellten sich alle Teilnehmer mit ihren Schicksalen und Beweggründen vor. Gebannt hörten alle Teilnehmer zu und man war sich schnell darüber im Klaren, dass es eine gute Teamarbeit in der Gemeinschaft geben würde – da alle in ähnlicher Weise betroffen waren.
Fr. Beiersdorf gab Einblick in die Kriterien eines PB und berichtete von eigenen Erfahrungen und Erfolgen bezüglich der Entwicklung ihrer Tochter.
Anschließend lernten alle Herrn Dr. Schmidt-Ohlemann kennen. Seine Ausführungen waren sehr lehrreich und spannend und sie regten zu einer lebhaften Diskussion an.
In beeindruckender Weise berichtete er über die Therapieform „Unterstützte Kommunikation“, (http://www.kreuznacherdiakonie.de/icc/internet-de/nav/9cc/9cc505dc-3b87-e611-a3b2-171d12d8f3de.htm), mit ihren vielen Möglichkeiten stark eingeschränkten Menschen zur Kommunikation zu verhelfen, was dann auch langjährige, erfahrene Angehörige wieder in Erstaunen versetzte. Zugleich aber stellten sie sich die Frage, warum bisher darüber nichts bzw. so wenig der Öffentlichkeit bekannt ist. Man lernt halt immer wieder Neues hinzu – aber auch nur dann, wenn sich die Betroffenen bzw. die Betreuer kümmern! Obwohl es eigentlich andersherum sein müsste - wer sich nicht selber informiert, bleibt unwissend – zum Nachteil der Betroffenen. Die Rechte einzufordern und die Betroffenen aufzuklären bleibt erklärtes Ziel der Verbandsarbeit.
Der erste Tag war sehr anstrengend gewesen und so waren alle froh, dass in jeglicher Weise für das leibliche Wohl gesorgt war und der Tag in einer geselligen Runde ausklang.
Am Samstag, gleich zu Beginn, hielt Dr. Schmidt-Ohlemann den hoch interessanten Vortrag zum Thema: Ermittlung des Hilfebedarfs und der Zielsetzungen für die Teilhabe. Seine Mitarbeiterin, Fr. Gatzke, erläuterte den Ermittlungsbogen anhand von Beispielen. Viele nützliche Tipps hielten alle Teilnehmer in Spannung und viele Fragen konnten beantwortet werden.
Nach einer kurzen Pause mit Spaziergang erwartete die gestärkten Zuhörer ein weiterer Höhepunkt.
Zu Gast war Fr. Dr. Corina Zolle, selber Rollstuhlfahrerin, in Begleitung ihrer Assistentin. Ganz nebenbei erkannten alle die wichtige Rolle einer Assistentin, da deren Aktivitäten augenscheinlich und zugleich sehr dezent waren. Humorvoll und sehr kompetent erläuterte Fr. Dr. Zolle das Arbeitgebermodell (AG), gab Tipps für die Praxis und verwies auf die Möglichkeiten sich die benötigten Hilfsmittel zur Antragstellung im Internet bei ForseA http://www.forsea.de/projekte/persoenliches_budget.shtml kostenlos downzuloaden.
Spätestens an dieser Stelle kam die Erkenntnis, dass das Rad längst erfunden ist, und dass wir es nur noch zum Rollen bringen müssen. Alles ganz einfach!!
Nach der Information jedoch, dass die geltenden Gesetze, ergänzt durch die UN Behinderten Rechts Konvention (BRK), alle Wege zur umfangreichen Unterstützung der von Behinderung beeinträchtigten Menschen geebnet haben, kam die Erkenntnis, dass es trotzdem noch viele Hürden zu überwinden gilt, da die meisten Sozialleistungsträger in Deutschland, aus Unwissenheit, aus Wirtschaftlichkeitsgründen und Mangel an Verfahrensvorschriften zum PB, die Antragstellung zum Kraftakt/Geduldsprobe/Nervenkrieg werden lassen. Ein besonderes Problem stellen hier die Vermögen der Betroffenen dar, die trotz widersprechender UN BRK Art. 12, laut SGB XII zunächst für die Pflege oder Assistenz auf Sozialhilfeniveau herunter gewirtschaftet werden müssen. Mittellose Behinderte haben problemlosen Zugang zur Hilfe. Daraus folgt, dass Behinderte niemals Vermögen besitzen könnten, geschweige denn ein daraus resultierendes komfortableres Leben.
Frau Dr. Zolle erläuterte die dem SGB IX und XII übergeordnete UN BRK und führte die Schwierigkeiten in der Umsetzung sowie die Folgen für die Behinderten eindrucksvoll aus. Eine angeregte Diskussion beendete den zweiten Seminartag.
Auch der zweite Abend wurde durch alle einerseits zur Entspannung genutzt und andererseits natürlich für lebhafte Diskussionen, die mit Fragen, Empörungen über das Gehörte und Elan für das zukünftige Antragsverfahren gespickt waren.
Der letzte Tag hielt alle weiterhin in gespannter Aufmerksamkeit. Der bundesweit bekannte Sozialrechtsexperte Dr. Harry Fuchs erläuterte die Diskrepanzen zwischen der BRK und dem SGB IX und SGB XII, sowie die bekannten immer allgegenwärtigen Probleme der Antragstellungen bei den Sozialleistungsträgern. Wir stellen fest, es klaffen noch immer Abgründe zwischen den Möglichkeiten und den Wirklichkeiten!
Ganz wichtig bei den Zielplanungen sei die Bedarfsermittlung unter dem Gesichtspunkt der Teilhabe.
Die Vielzahl der §§ und Gesetzesbücher, die Hr. Dr. Fuchs bewundernswerterweise alle (fast) auswendig kennt und die entdeckten und aufgezeigten Probleme, können in seinen Werken nachgelesen werden. www.harry-fuchs.de
Abschließendes Resümee und unsere Empfehlung:
Auf jeden Fall Antrag auf PB stellen, da es ein ganz wichtiges Organ zur Selbstbestimmung und Teilhabe ist. Nicht abschrecken lassen!
Motiviert und mit einem fürs erste ausgerüsteten Grundwissen fuhren alle Teilnehmer in Richtung Heimat. Sie waren sich einig, dass diese Maßnahme ein wichtiger Baustein für die weitere Arbeit unseres Verbandes für das Persönliche Budget gewesen ist.
Der Vorstand ist sich darüber im Klaren, dass weitere Maßnahmen folgen sollten.
Die Mitglieder des Vorstandes nahmen die Anregungen der Referenten entgegen, formulierte Forderungen zur Erstellung eines Aktionsplanes zur Umsetzung der BRK zum Nachsorgekongress in Berlin im März 2011 einzureichen.
Es bleibt weiterhin viel zu tun, so für die erstmals geschulten Teilnehmer, die hoffentlich selbstbewusst ihr Wissen anwenden und weiter verbreiten und für die Öffentlichkeitsarbeit unseres Verbandes.
Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer bedanken sich bei den Organisatoren und Veranstaltern für diese gelungene Weiterbildung!
Kerstin Arndt
Vorstandsmitglied
Bereich Mitgliederbetreuung
November 2010

